Unserem verstorbenen Parteifreund Guido Westerwelle, langjähriger Vorsitzender und Generalsekretär der FDP, zu begegnen, war immer ein großer Gewinn. Schon in jungen Jahren als Gründer der Jungen Liberalen zeichnete ihn ein mitreißendes Engagement aus. Damals fuhr er in einem orangefarbenen Polo die alte westdeutsche Republik ab und besuchte die neuen Sprengel der frisch gegründeten liberalen Jugendorganisation. Hinten in seinem Auto lag die wohl vollständigste Sammlung der Skripten von Alpmann Schmidt, einem juristischen Repetitor, mit deren Hilfe er Studium und Examensvorbereitung meisterte. Veranstaltungen mit ihm waren schon damals – 1984 – sehr gut besucht, er warb nicht nur für die liberale Sache („wir müssen Hefe sein im Teig der FDP“) sondern allgemein dafür, sich politisch zu engagieren. Ihm ging es darum, gegen den Zeitgeist von „No Future“ wachzurütteln, gegen das Einlullen mit beliebiger Gleichheit und für eine ehrliche und faire Chancengerechtigkeit. Es ging ihm – um uns.

Die Zusammenarbeit mit ihm war nie langweilig. Mitunter auch nervenzerreißend. Beim Thema Freiheit war er nicht kompromissbereit. Die Selbstbestimmung des Einzelnen wurde stets und ständig eingefordert, als Lebensziel von Obrigkeit und Staat, als Handlungsspielraum von Unternehmen und Marktteilnehmern und vor allem als Verantwortungsziel des Individuums selbst. Das ja in der Hand haben darf, wieviel Eigennutz, wieviel Gewinn und wieviel Egozentrik angemessen sind und wie man die wohlverstandenen Grenzen des eigenen Strebens nach Glück zieht. Ohne soziale Verantwortung war für Guido Westerwelle Freiheit nicht vorstellbar. Schule, Ausbildung, Staatsorganisation, Gesellschaftsleben, Bündnistreue – all das waren Bereiche, in denen er jedem Mitstreiter gerne auch die Grenzen einer schrankenlosen Selbstbestimmung aufzeigte. Das Hochreck der öffentlichen Sache war für ihn schon damals die internationale Politik, personell verkörpert in seinem Mentor Hans-Dietrich Genscher, der ihn mit zu Kabinettsitzungen nahm – zum Ärger des Regierungschefs. Guido war darauf stolz. Er konnte auch dort sein Wort für mehr Lehrer und bessere Ausbildung machen und sich kümmern – um uns.

Sein Weg führte in den Olymp deutscher und europäischer Politik. Er verstand es, sich Gehör zu verschaffen. Nicht allen konnte gefallen, was er sagte. Manches war angreifend, manches verletzend. Er selber wusste das. Aber nichts wäre für ihn schlimmer gewesen, als leise und unwahrnehmbar zu sein. Dafür sind Freiheit und Verantwortung in dieser Welt zu wichtig. Sie sind keine geschlossenen Begriffe, die einen fertigen Wertekanon in sich tragen. Sie müssen stets neu gefunden, neu austariert und neu in einen Wettbewerb gesetzt werden zu fertigen, starren und zunächst besser etablierten Modellen. Guido wurde das Sprachrohr einer Generation, die nicht nur beschwichtigen und nicht nur in der erkannten Schuld verharren wollte, sondern die auch ihr Mitwirken an Gerechtigkeit, Frieden und Freiheit zur Geltung bringen wollte. Guido Westerwelle ging es darum, einen Weg zur aktiven Beteiligung am öffentlichen Geschehen aufzuzeigen. Er hat sich verdient gemacht – um uns.

Johannes R. Jeep
Ortsvorsitzender Charlottenburg-City

 

2017-07-30T15:08:43+00:00 23. März 2016|OV Charlottenburg-City|